Kunstgeschichte als Online-Kurs: Interview mit Dr. Chantal Eschenfelder

In dem kostenfreien Online-Kurs Kunstgeschichte des Städel Museums erhalten Teilnehmende spannende Einblicke in moderne Kunst von 1750 bis heute. Der Schauspieler Sebastian Blomberg führt als Moderator durch den Kurs, der anhand von etwa 250 Werken aus der Sammlung des Städel Museums kunsthistorische und bildwissenschaftliche Kenntnisse auf sehr unterhaltsame Weise vermittelt. Wir haben mit Dr. Chantal Eschenfelder, Leiterin des Bereichs Bildung & Vermittlung des Städel Museums, über den Online-Kurs, digitale Strategien und die Bedeutung der Digitalisierung für Museen gesprochen.

Kunstgeschichte: Digitale Strategie für Museen

Frau Dr. Eschenfelder, das Städel Museum eröffnete anlässlich des 200. Jubiläums im Jahr 2015 die digitale Kunstkammer. Im selben Jahr erhielt Ihr Museum den Grimme Online Award in der Kategorie Kultur und Unterhaltung für das Digitorial zur Monet-Ausstellung. Wie verändert die Digitalisierung den Umgang mit Kultur?

Die Digitalisierung führt vor allem dazu, dass sich Menschen jederzeit und an jedem Ort im Netz informieren und miteinander vernetzen können und das zunehmend auch mobil, d. h. mit Smartphone oder Tablet. Die Erfahrungen, die sie dabei machen, sowohl inhaltlich wie technisch beeinflussen auch die Art und Weise, wie sie kulturelle Angebote wahrnehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei vollkommen neuartige Formen der Wissensvermittlung und der Narration, die unseren Umgang mit Informationen und Bildung auf grundlegende Weise verändern. Für Kulturinstitutionen sind diese Entwicklungen eine große Chance, da die Reichweite für die Vermittlung kultureller Inhalte, jenseits der physischen Begrenzung des Gebäudes, ganz andere, größere  Dimensionen annehmen kann.

Technologische Entwicklungen wie Virtual Reality oder multimediales Storytelling können für alle Kernaufgaben des Museums nutzbar gemacht werden und dabei innovative Wege der Erforschung, Darstellung, Erzählung und Vermittlung von Kunst beschreiten. Das Digitorial ist dafür ein gutes Beispiel. Einerseits ist es ein Serviceangebot für diejenigen, die sich im Vorfeld inhaltlich auf den Ausstellungsbesuch vorbereiten und dadurch ein angereichertes Besuchserlebnis vor Ort haben möchten, andererseits erreichen wir damit aber auch User, die gar keine Museumsbesucher sind, sich aber eventuell für dieses Thema interessieren. Für uns bedeutet das die großartige Chance, als öffentliche Institution unseren Bildungsauftrag noch einmal neu zu definieren und in den digitalen Raum auszuweiten – nicht zuletzt damit dort nicht nur kommerzielle Angebote zu finden sind.

Brauchen Museen eine digitale Strategie?

Ja unbedingt! Das ist zunächst wichtig, um kulturelle Inhalte überhaupt als relevant neben anderen Informationen zu verbreiten und dafür die passenden Formate zu finden. Darüber hinaus hat sich aber auch nach der Euphorie der ersten Digitalisierungswelle gezeigt, dass nicht jedes Angebot Erfolg hat, nur weil es digital ist. Die Form muss immer auch zum Inhalt passen, ja vom Inhalt her entwickelt werden, um ein Publikum zu überzeugen, auch im digitalen Raum. Daher ist es, um auch Ressourcen sinnvoll einzusetzen, für Kulturinstitutionen besonders wichtig, zu analysieren, welche Inhalte man im Hinblick auf die Geschichte, das Selbstverständnis der Institution und den Sammlungsbestand auf welche Weise und an wen vermitteln möchte. Erst auf dieser Grundlage ist es sinnvoll, die technische Form der digitalen Kulturvermittlung zu bestimmen. Die Entwicklung einer digitalen Strategie ist daher stets eng mit dem allgemeinen Mission Statement der Institution verbunden.

 Welche digitalen Angebote gibt es bereits im Städel Museum?

Nach der baulichen Erweiterung unseres Hauses mit den Gartenhallen für Gegenwartskunst 2012 erschien uns eine digitale Erweiterung als der nächste logische Schritt, um unsere Inhalte auch jenseits der physischen Grenzen unseres Museums zu vermitteln. Der digitale Ausstellungsvorbereitungskurs, das Digitorial, und „Kunstgeschichte online – der Städel Kurs zur Moderne“ sind Teil einer Gesamtstrategie, die auch Imagoras, ein Computerspiel für Kinder, die Städel App, die Digitale Sammlung, das Forschungsprojekt „Zeitreise“, ein Filmprogramm und viele weitere Maßnahmen umfasst. Die bereits gelaunchten Projekte sind:

Ihr Online-Kurs Kunstgeschichte nimmt die Teilnehmenden mit auf eine sehr amüsante Reise und vermittelt gleichzeitig theoretisches Fachwissen. Was war Ihnen bei der Konzeption des Kurses besonders wichtig?

Es gibt viele Möglichkeiten, sich digital auch in Kunstgeschichte weiterzubilden. Oft handelt es sich dabei um sogenannte MOOCs (Massive Open Online Courses), also Kurse, die beispielsweise von Universitäten angeboten werden und Videos von Vorlesungen zeigen, in die man sich meist auch einschreiben muss. Mit unserem kostenfreien Angebot „Kunstgeschichte Online – der Städel Kurs zur Moderne“ wollten wir bewusst einen anderen Schwerpunkt setzen. Ein zentrales Anliegen war es, die User mit dem Onlinekurs am Ende zu einem selbstständigen und mündigen Umgang mit moderner Kunst zu befähigen. Unser Ziel dabei war, ein innovatives digitales Lernformat zu entwickeln, das sowohl der zunehmenden Fragmentierung von Wissen als auch dem Informationsbedürfnis und Lernverhalten der Nutzer entspricht: Im eigenen Tempo, multimedial und auch mit spielerischen Aufgabenelementen. Kurz, ein Weiterbildungsangebot, das die Möglichkeiten digitaler Kunstvermittlung voll und ganz ausnutzt und kulturelles Wissen für eine durch Diversität und Vielfalt der Interessen geprägte Gesellschaft verfügbar macht.

Dem aktuellen Trend des Microlearnings entsprechend bietet der Kurs dem Nutzer einen Makrokosmos in Mikroeinheiten: Kunstgeschichte von 1750 bis zur Gegenwart in fünf Modulen, kombiniert mit einem interaktiven Zeitstrahl mit 250 Werken, 57 Kunstströmungen, 184 Künstlern und 543 historischen Ereignissen – insgesamt rund 40 Stunden Arbeitsmaterialien, präsentiert in kleinen, multimedialen Einheiten von nicht mehr als 5 Minuten. Die Herausforderung dabei war die Entwicklung innovativer Methoden der Kunstvermittlung im digitalen Erzählraum.

Außerdem stützten wir uns bei der Konzipierung des Kurses auf drei didaktische Grundpfeiler: Methodenwechsel, Multimedialität und Interaktivität. Damit bietet der Kurs eine diversifizierte Lernumgebung für ein angeleitetes Selbststudium im eigenen Tempo und stellt neben erklärenden Filmen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten auch spielerische Lernformate, vertiefende Texte und unterschiedliche interaktive Elemente zur Verfügung. Von der Bildanalyse über Entstehungskontexte, künstlerische Ordnungssysteme, ihre Möglichkeiten und Grenzen bis hin zur Geschichte des Sammelns und Ausstellens kann der Nutzer ein ganzes Universum des Wissens für sich entdecken.

An wen richtet sich der Online-Kurs Kunstgeschichte? Werden Vorkenntnisse benötigt oder auch Vertiefungen angeboten?

Das Angebot richtet sich an alle, die auf abwechslungsreiche und zeitlich flexible Weise kunsthistorische und bildwissenschaftliche Kenntnisse erlangen wollen – also eine sehr breite Zielgruppe, die Oberstufenschüler, die sich auf ihr Abitur im Kunst-Leistungskurs vorbereiten möchten, ebenso einschließt wie Laien, die sich neben dem Beruf in einem Thema weiterbilden wollen, an dem sie zwar ein grundlegendes Interesse, mit dem sie aber sonst eher Schwierigkeiten haben. Voraussetzungen für die Teilnahme gibt es keine. Stattdessen sind die Kurselemente so angelegt, dass jeder sich nach seinen individuellen Interessen durch den Kurs bewegen und verschiedene Vertiefungsebenen wählen kann. Nur die spielerischen Aufgaben, mit denen jeder seine Lernfortschritte messen kann, sind obligatorisch angelegt. Aber auch hier gilt die Devise „No one is left behind“: Eine umfassende Hilfefunktion erlaubt auch dann ein Weiterkommen, wenn die Aufgaben im ersten Versuch nicht richtig gelöst wurden.

Können durch die digitale Strategie Ihres Museums neue Zielgruppen erreicht werden?

Ja, das können wir in der Tat bestätigen, weil wir auch die Resonanz auf unsere Angebote evaluieren. Dabei sind uns nicht nur die Klickzahlen wichtig, sondern auch die qualitativen Rückmeldungen unserer User. Beim Digitorial zeigte sich beispielsweise, dass die User statistisch gesehen etwas jünger und auch etwas männlicher sind als die Museumsbesucher, bei denen  Frauen über 50 die Mehrheit bilden. Und beim Onlinekurs hatten wir viele Rückmeldungen von Teilnehmern aus anderen Ländern wie beispielsweise aus der Ukraine. Die hätten wir mit unserem rein analogen Angebot nicht erreicht.

Vielen Dank für das Interview.

Zu dem Online-Kurs Kunstgeschichte geht es hier.

Mehr zum Thema Kunstgeschichte im Städel-Museum finden Sie hier.


Über Dr. Chantal Eschenfelder

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2014, Foto: Norbert Miguletz

Chantal Eschenfelder (*1965) studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Amerikanistik in München und Paris. Ihre Promotion schloss sie mit einer Arbeit über den Ballsaal von Schloß Fontainebleau und das ikonografische Programm seiner Ausstattung ab. Nach einer Tätigkeit als Projektmanagerin für Kultur und neue Medien im Europabüro der Stadt Köln war sie seit 2000 als wissenschaftliche Referentin für das Museum Ludwig, das Wallraf-Richartz-Museum und das Museum für Angewandte Kunst beim Museumsdienst Köln beschäftigt. Seit 2007 leitet sie die Kunstvermittlung des  Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung, seit 2011 auch zusätzlich der SCHIRN. Sie publizierte zahlreiche Beiträge zur französischen und italienischen Kunstgeschichte sowie zu strategische Zielen und Methoden der Kunstvermittlung. Ein wichtiges Ziel ihrer Vermittlungsarbeit ist die Öffnung von Kulturinstitutionen in alle Bereiche der Gesellschaft. Im Rahmen der digitalen Erweiterung des Städel Museums beschäftigt sie sich aktuell mit der Übertragung von Strategien der Kunstvermittlung in den digitalen Raum und ist Mitglied des abteilungsübergreifenden digitalen Think Tanks des Städel.

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