Das digitale Semester: Prüfungen in Zeiten von Corona – ein Rückblick!

Das Coronavirus hat in den letzten Monaten die gesamte Welt auf den Kopf gestellt. Viele Unternehmen haben sich entschieden ihre Professionals, sofern möglich, von zu Hause aus arbeiten zu lassen. Die Strukturen, Prozesse und Arbeitsabläufe mussten innerhalb kürzester Zeit umgestellt werden und bei vielen stand Homeoffice auf der Tagesordnung. Doch nicht nur in der Arbeitswelt hat Corona einiges durcheinandergewirbelt. Auch in der Hochschulwelt musste auf kurzem Wege die Präsenz- in die Digitallehre umgestellt werden. Doch nicht nur die Lehre musste digitalisiert werden, auch für die Prüfungen am Ende eines jeden Semesters musste auf schnellem Wege eine Lösung gefunden werden. Wie können Prüfungen in Zeiten von Corona umgesetzt werden? Sind digitale Prüfungen eine Alternative? Das und noch vieles mehr verrät uns Prof. Dr. Andreas Hanemann von der TH Lübeck im Interview.

Am Ende eines jeden Semester stehen sie jedem Studierenden bevor: Die Prüfungen, gerne in Form von Klausuren. Wer kennt es nicht: Zum Semesterende stehen schon mal 4-6 Klausuren auf dem Lernplan, für die fleißig gepaukt werden muss. Morgens schnell noch einen Kaffee trinken, Studierendenausweis einpacken und ab geht’s in Richtung Hochschule zur Klausur. But wait: Seit dem Sommersemester 2020 ist alles anders! Die TH Lübeck hat das Sommersemester 2020 als digitales Semester umgesetzt und die Studierenden blieben als Folge dem Hochschulcampus fern. Die Lerninhalte mussten kurzfristig auf  Online-Lehre umgestellt und für die Prüfungen am Ende des Semesters eine Alternative zur Präsenzklausur gefunden werden. Wie konnten die Prüfungen trotz Corona umgesetzt werden? Funktionieren digitale Prüfungen überhaupt? Zeit, einen Experten zu fragen! Wir haben Prof. Dr. Hanemann von der TH Lübeck zu diesem Thema interviewt und spannende Insights erhalten. Wer ist unser Experte eigentlich? Zeit für eine Kurzvorstellung, ehe wir direkt mit dem Interview loslegen:

Prof. Dr. Andreas Hanemann ist seit dem WS 2011/12 an der TH Lübeck und lehrt dort im Bereich Rechnernetze und Web-Technologien. Er ist außerdem Prüfungsausschussvorsitzender des Fachbereichs Elektrotechnik und Informatik (E + I) , sowie Beauftragter für Studierende mit Behinderung. Mit dem beliebten Netzwerksicherheit-MOOC auf der Bildungsplattform oncampus.de konnte er bereits eine Vielzahl von Teilnehmenden für Themen wie Angriffe mit Schadsoftware, Firewalls oder IT-Grundschutz begeistern. Der MOOC steht aktuell als Selbstlernangebot auf oncampus.de für alle Teilnehmenden kostenlos zur Verfügung. Reinschauen lohnt sich also! Und jetzt wünschen wir dir ganz viel Spaß mit dem nachfolgenden Interview!

Durch die bundesweite Schließung der Gebäude stand bei vielen Hochschulen die Thematik des “Digitalen Semesters” im Fokus, so auch an der Technischen Hochschule Lübeck. Wie haben Sie diese Phase wahrgenommen und wie haben Sie Ihre Lehrinhalte im letzten Semester Ihren Studierenden vermittelt?

In meiner Wahrnehmung spitzte sich die Corona-Pandemie Anfang März deutlich zu. Die Prüfungen in der zweiten Märzwoche liefen noch einigermaßen normal ab, abgesehen von relativ vielen Klausurabmeldungen. Diese waren damals per E-Mail möglich, sodass beispielsweise bei meiner Klausur “Rechnernetze” nur 14 von 25 angemeldeten Studierenden erschienen.

Mit der ersten regulären Semesterwoche startete dann aber das Semester gar nicht wie üblich. Für mich persönlich waren die Auswirkungen nicht so groß, weil ich im vergangenen Sommersemester drei Lehrmodule im berufsbegleitenden Online-Studium durchführte. Diese konnten (bis auf zwei Vor-Ort-Termine) wie üblich stattfinden.  Bei einem Softwareentwicklungsprojekt in der Präsenzlehre konnten meine Kollegin, Frau Zachow, und ich eine Umstellung auf eine wöchentliche Online-Besprechung durchführen, so dass das Projekt in guter Weise angeboten werden konnte. Hier hatte ich mit deutlich mehr Problemen gerechnet. Bei der Softwareentwicklung kann es manchmal hartnäckige Fehler geben, wo es hilfreich sein kann, wenn man sich das zusammen am Rechner ansieht.

Wenn ich die Situation noch mal etwas allgemeiner betrachte, konnten im Bereich der Informatik viele Veranstaltungen in geeigneter Art und Weise auf Online-Lehre umgestellt werden. In der Elektrotechnik gelang dieses meistens auch, wobei bei manchen Praktika eine Durchführung vor Ort besser gewesen wäre. Bei anderen Fachbereichen war es jedoch deutlich schwieriger. Man kann sicherlich Experimente in der Chemie oder Konstruktionen im Bauwesen theoretisch durchdenken, aber manche wichtigen Erfahrungen macht man in diesen Fachgebieten doch auch in praktischen Untersuchungen. Ein Kollege vom Fachbereich Bauwesen brachte dieses mit der Aussage auf der Punkt: Die Durchführung einer Betonverschalung im Home-Office ist doch schwierig umzusetzen.

Insgesamt wird sich erst später zeigen, ob durch das digitale Sommersemester 2020 deutlich mehr Studierende das Studium nicht fortgesetzt haben. Auf die Studierenden sind natürlich auch andere, zusätzliche Herausforderungen zugekommen: Beispielsweise standen Studierendenjobs wie in der Gastronomie oder auch als Werkstudent/in nicht mehr wie sonst zur Verfügung. Außerdem war es aufgrund der aktuellen Situation deutlich schwieriger, Pflichtpraktika in einem Unternehmen zu absolvieren.

Zum Ende des Sommersemesters 2020 standen den Studierenden die Prüfungen bevor, welche in diesem Semester weitgehend neu organisiert werden mussten. Als Vorsitzender des Prüfungsausschusses für den Fachbereich E+I sind viele Fragen auf Sie zugekommen, wie Prüfungen in diesen Zeiten durchgeführt werden können. Wie gestaltete sich die Vorbereitung der Prüfungen zum Semesterende?

Zu Beginn des Sommersemesters war natürlich erstmal die Frage, wie man die Lehre während des laufenden Semesters neu organisiert. Erst in der zweiten Aprilhälfte ist dann die Frage in den Vordergrund getreten, wie die Prüfungen am Semesterende organisiert werden können. Zunächst war nicht klar, welche Hygieneanforderungen am Ende des Semesters gelten würden. Um erst einmal eine Orientierung zu erhalten, habe ich einen befreundeten Lehrer angerufen, wie an dessen Schule die Abiturprüfungen durchgeführt wurden. Er erzählte mir, dass alle Prüfungen in einer Turnhalle stattfanden . Dort wären Tische und Stühle aus dem Schulgebäude hingebracht worden. Diese wären so aufgestellt worden, dass ein Abstand von 2 Metern erreicht wurde. Insgesamt zeigte sich also, dass man bei den Prüfungen deutlich weniger Studierende pro Prüfungsraum zulassen konnte und dass sich auch ansonsten viele Fragen, beispielsweise zu einer zwischenzeitlichen Raumreinigung stellen würden.

Aus rechtlicher Sicht war es günstig, dass die Landesregierung mit einem Corona-Gesetz, aber auch die Hochschulleitung mit einer speziellen Corona-Satzung auf die Lage reagierten. Damit wurden die Grundlagen geschaffen, um Prüfungsformen im schon laufenden Semester flexibel zu ändern. Üblicherweise ist die Änderung einer Prüfungsform ein längeres Verfahren, bei dem verschiedene Gremien durchlaufen werden müssen. Martin Ryschka, der Dekan des Fachbereichs E+I forderte die Lehrenden am Fachbereich eindringlich zum Überlegen auf, ob bei deren jeweiligen Prüfungen auch andere Prüfungsformen möglich wären. Viele Kolleginnen und Kollegen haben sich daraufhin Gedanken gemacht und haben dann an mich zurückgemeldet, wie die Prüfungen bei ihnen ablaufen sollen.

Wie wurden die Prüfungen in der Prüfungswoche des Sommersemesters 2020 umgesetzt? Wurden Prüfungsformen geändert? Gab es einen Schwerpunkt in der Prüfungsform?

Es gab unterschiedliche Arten von Änderungen an den Prüfungsformen. Teilweise wurden die Prüfungen auf semesterbegleitende Prüfungsformen umgestellt, sodass beispielsweise am Ende des Semesters keine Klausur durchgeführt wurde, sondern während des Semesters eine Hausarbeit zu erstellen war. Diese Hausarbeit wurde gegen Semesterende mündlich mit einem Online-Tool präsentiert. Teilweise erfolgten Umstellungen auf mündliche Online-Prüfungen, die mit den Tools Adobe Connect, BigBlueButton oder Jitsi abgehalten wurden. In ein paar Fällen wurden elektronische Klausuren zuhause durchgeführt, wobei sich die Lehrenden unterschiedliche Vorgehensweisen zum Erschweren von Betrugsversuchen überlegt hatten, wie beispielsweise eine aktive Beobachtung mit einer Kamera während die Klausur am Schreibtisch zu Hause geschrieben und direkt im Nachgang eingescannt wird.

Bei Modulen von mir habe ich mich für eine mündliche Online-Prüfung entschieden. Dabei nahmen bei einem Modul des Bachelor-Studiengangs Medieninformatik ungefähr so viele Studierende wie üblich an der Prüfung teil. Beim Master-Studiengang Medieninformatik, bei dem ich zwei Module unterrichte, war die Beteiligung jedoch größer als üblich. Das Online-Format schien vor allem für diejenigen Studierenden attraktiv zu sein, die relativ weit weg von der Hochschule wohnen. So habe ich insgesamt etwa 50 mündliche Online-Prüfungen abgenommen.

In der praktischen Umsetzung der Prüfungswoche bestand die größte Herausforderung jedoch bei den verbliebenen Präsenzklausuren. Im Vorfeld entfiel glücklicherweise noch eine Randbedingung, die zunächst im Hygieneplan der Hochschule enthalten war. Es war vorgesehen, dass jeder Studierende am Vortag einer Prüfung eine Nachricht an das Sekretariat schicken sollte, dass sie oder er keine Symptome hat. Ohne eine solche Meldung sollten Studierende nicht an Prüfungen teilnehmen dürfen, auch wenn sie am Prüfungstag keine Symptome hätten.

Dennoch war die Durchführung der Prüfungen herausfordernder als wir es gewohnt waren. An den Eingangstüren der Gebäude fanden Einlasskontrollen statt, sodass nur zu Prüfungen angemeldete Studierende überhaupt in die Gebäude kamen. Jeder musste einen Mund-Nasen-Schutz tragen und die Hände wurden am Eingang desinfiziert. Innerhalb der Gebäude waren nur Räume mit getrennten Ein- und Ausgängen für die Prüfungen vorgesehen, wobei innerhalb der Räume aufgrund der Abstandsregeln deutlich weniger Plätze zur Verfügung standen. Beispielsweise konnten im größten Raum der Hochschule nur 46 Studierende statt der sonst möglichen 66 gleichzeitig eine Klausur schreiben. Die Lösung war hier eine Verlängerung der Prüfungszeit von 8 auf 14 Prüfungstage. Ergänzend hierzu gab es im Fachbereich E+I viele Umstellungen bei den Prüfungsformen, sodass wir mit den wenigen Prüfungsräumen gut zurechtkamen.

Welche Erfahrungen und vielleicht auch Erkenntnisse haben Sie aus dieser neuen Organisation der Prüfungen mitgenommen?

Es ist davon auszugehen, dass die Corona-Pandemie anhalten wird und daher auch bei kommenden Prüfungsphasen ähnliche Einschränkungen bestehen werden. Daher ist es zunächst mal günstig, dass die Corona-Satzung der TH Lübeck auch für das kommende Wintersemester 20/21 gilt. Das Durchführungskonzept für die Präsenzklausuren funktionierte gut, so dass man hier nur Details anpassen müsste. Beispielsweise ging die Einlasskontrolle am Gebäudeeingang doch relativ zügig, sodass man dafür meistens nur eine Person gebraucht hat. Die semesterbegleitenden Prüfungen und auch die mündlichen Online-Prüfungen funktionierten nach meiner Wahrnehmung ohne wesentliche Probleme. Im Bereich der elektronischen Klausuren sollte ein Austausch unter den Kolleginnen und Kollegen erfolgen, welche Details der Durchführung sich bewährt haben und allgemein empfohlen werden können. Erst in der Zukunft wird sich zeigen, wie der Lernerfolg tatsächlich war, also wenn in höheren Semestern auf die Grundkenntnisse aus dem vergangenen Semester aufgebaut werden soll. Es wird auch interessant sein, wie die Absolventinnen und Absolventen aus dieser Zeit in den Unternehmen wahrgenommen werden. Insgesamt hoffe ich, dass die Corona-Zeit aus einer späteren Perspektive als eine Möglichkeit für einen Innovationsschub bei der Wissensvermittlung in Erinnerung bleiben wird.

Herr Prof. Dr. Hanemann, wir danken Ihnen für dieses tolle Interview mit den schönen Insights aus der Hochschulwelt!

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