Entrepreneurial Skills: Jede Krise kann auch eine Chance sein! Ein Interview mit Stefan Stengel, Programm-Manager bei Gateway49

In puncto Entrepreneurship hinken die Deutschen im weltweiten Vergleich ganz schön hinterher. Häufig ist es vor allem der Wunsch nach Sicherheit, der hierzulande vom Sprung in die Selbstständigkeit abhält. Eine kreative Idee einfach mal so eben in ein neues Geschäftsmodell überführen? Gar nicht so leicht! Was sind eigentlich die ersten Steps, die es zu beachten gilt, um zu gründen? Und ist die Corona-Pandemie sowieso nicht gerade DER Grund, um ein Gründungsvorhaben lieber auf Eis zu legen? Nicht unbedingt, denn „jede Krise kann auch eine Chance sein“, meint Stefan Stengel, Co-Founder und Programm-Manager beim Startup-Accelerator Gateway49 in Lübeck. Stefan erzählt uns im Interview, welche Vision hinter der Gründung von Gateway49 steckt, warum wir Deutschen im Gründungsvorhaben so zögerlich sind und welche Skills seiner Einschätzung nach für die Arbeitswelt von morgen wichtig sind.

Stefan Stengel ist seit Jahrzehnten in der Startup-Welt zu Hause! Er hat bereits mehrere internationale Acceleratoren aufgebaut und über hundert digitale Startups erfolgreich begleitet. Seit knapp 1,5 Jahren ist er Co-Founder und Programm-Manager beim Startup-Accelerator Gateway49 in Lübeck. Doch wait! Was ist ein Accelerator eigentlich? Bevor wir mit dem Interview richtig loslegen, erhältst du von uns noch eine kurze Defintion, damit du verstehst, warum ein Accelerator so wichtig für Startups ist!

Der Begriff Acceclerator ist vor allem im Startup-Bereich sehr verbreitet und beschreibt eine Institution, die Startups in einem kurzen Zeitraum unterstützt, coacht und innerhalb kürzester Zeit zu einem Markteintritt verhilft. Die einzelnen Startups werden in dieser Zeit in der Regel von Coaches und Mentoren:innen betreut, die bei den ersten Stolpersteinen unterstützen. Ein Startup-Accelerator ist sozusagen eine Art „Beschleuniger“. Er soll mögliche Hemmnisse bei der Gründung auffangen und das Gründungsvorhaben so langfristig verbessern. Wie du siehst: Eine richtig tolle Sache, die es zu unterstützen gilt! Wie die Arbeit mit Startups in einem Accelerator ablaufen kann und viele weitere spannende Insights erzählt uns Stefan nachfolgend im Interview.

Stefan, du bist Co-Founder und Programm-Manager des Startup-Accelerators Gateway49 hier in Lübeck. Welche Vision steckte hinter der Gründung von Gateway49

Die Vision war und ist es nach wie vor, Startups in ihren Ideen und Gründungsvorhaben zu unterstützen. Wir denken, dass es eine wirtschaftliche und eine gesellschaftliche Aufgabe ist, dies zu tun und zu sehen, dass es Nachfolgeproblematiken gibt in Deutschland. D.h. es werden in naher Zukunft Arbeitsplätze in verschiedenen Branchen wegfallen. Meiner Meinung nach muss dies kompensiert werden, und zwar nicht durch „old economy“, sondern vor allem durch neue Geschäftsmodelle. Diejenigen Jobs, die durch die Nachfolgeproblematiken wegfallen, lassen sich nur schwer wiederherstellen. Hierfür ist es notwendig, dass wir neue Wege gehen und  entsprechende Methoden und Mittel finden, um diese Wege zu ermöglichen. Das zu verbessern, allem voran das Gründungvorhaben in Deutschland, ist das Ziel und die Vision von Gateway49.

Am 15.01.21 endet bei euch bereits die dritte Bewerbungsphase. Wenn die Startups euch bei den Pitches mit ihrer Idee überzeugt haben, wie läuft das Programm im einzelnen bei euch ab? Welche Skills werden die Startup-Teams bei euch lernen und was ist hierbei deine Aufgabe als Programm-Manager?

Es ist ein 3×3 Monats-Programm, welches sich in verschiedene Gates einteilen lässt, wo die Teams verschiedene Stufen durchlaufen müssen. In diesen einzelnen Stufen müssen die Teams eine Mindestpunktzahl erreichen, um weiterhin am Programm teilnehmen zu können. In den ersten 3 Monaten müssen die Teams ein Minimum Viable Product (MVP) zeigen, also eine Art Prototypen, welcher im erster Schritt auch nur ein Dummy sein kann, an denen die späteren Funktionen zu erkennen sind. Nach weiteren 3 Monaten müssen sie „Market fit“ sein, das bedeutet sie müssen evaluieren. Diese Phase bedeutet viel Arbeit für die Teams, da wir bspw. 50 Interviews mit Partnern und potentiellen Kund:innen fordern, um die Fragen zu validieren: Wird das Produkt oder der Service überhaupt benötigt? Gibt es dafür Nachfragen usw. ? Die Ergebnisse aus dieser Validierung müssen im Anschluss in einem Pitch nachgewiesen werden . Wenn die Teams die zweite Phase umgesetzt haben, dann heisst es eigentlich nur noch „ready to growth“, jetzt geht es um das Durchstarten, weitere Optimierung des Produktes, Markteintritt etc. In diesem letzten Part ist es auch unsere Aufgabe, die Teams weiter zu unterstützen und mögliche Finanzierungen zu finden.

Während des Programms ist eine Aufgabe von uns Programm-Managern das Coaching und die Begleitung der Teams durch die einzelnen Phasen, um ihnen durch verschiedene Problemfelder durch zu helfen, die es vlt. innerhalb des Teams gibt. Vielleicht benötigen sie bspw. noch weitere Unterstützung durch eine/n Mentor:in oder sie sind auf der Suche nach einem Pilotkunden. Das Coaching zieht sich hierbei durch die ganzen neun Monate des Programms und hat das Ziel, die einzelnen Teams zu unterstützen und zu begleiten.

Was begeistert dich am meisten an deinem Beruf und der Zusammenarbeit mit den einzelnen Startups?

Es begeistert mich einfach, junge Teams mit tollen Ideen zu unterstützen, es begeistert mich ihnen weiterhelfen zu können, damit ihre Ideen in die Wirklichkeit umgesetzt werden können. Es begeistert mich jedes Mal, neue Dinge zu sehen und dies passiert in diesen Startup Accelurator immer wieder aufs Neue. Ich bin jetzt genau dort, wo ich gerne hinwollte.

Mein beruflicher Ursprung ist das digitale Beratungsgeschäft, wo ich viele KMU beraten oder Kreativmethoden entwickelt habe, um gemeinsam mit dem Kunden neue Geschäftsmodelle zu enablen. Daraus ist eine Art Werkzeugkiste entstanden, die ich in den einzelnen KMU angewendet habe. Dies war dann der Grundstein, dieses zukünftig mit Startups zu machen. Die ersten Dinge, die ich in diese Richtung umgesetzt habe, waren die Bootcamps, wo ich damals noch Freunde und Personen aus dem Kolleg:innenkreis angesprochen habe, ob sie Lust haben, an einem Wochenende ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln. Diese Bootcamps habe ich damals häufiger organisiert und sie waren so spannend und interessant, dass daraus für mich nach einigen Jahren der Schwerpunkt im Startup-Bereich entstanden ist.

Ihr legt bei Gateway49 einen Fokus auf gewisse Bereiche wie bspw. auf Smart City, Food und Logistik. Sind dies Bereiche, wo sich aktuell viele Startups entwickeln? Kannst du hier vlt. einen aktuellen Trend erkennen, wo derzeit viele Startups entstehen?

Die Festlegung der vier Themenfelder richtet sich bei uns nach den Schwerpunkten des Wirtschaftsstandortes Lübeck. In Lübeck ist aufgrund der Ansiedelung von Firmen, wie bspw. Dräger oder auch die Verbindung zu der Universtät Lübeck der Life-Science-Bereich sehr ausgeprägt. Wir haben eine große und starke Foodbranche und durch die Nähe zu Travemünde sind wir auch im Bereich Logistik stark vertreten. Der Bereich Smart City umfasst hierbei den politischen Schwerpunkt unseres Bürgermeisters Jan Lindenau, der unsere Stadt digitaler und smarter gestalten möchte.

In Puncto Entrepreneurship sind wir Deutschen im weltweiten Vergleich keine First Mover und ranken nicht auf den vorderen Plätzen. Du bist in der Startup- und Gründerszene seit Jahrzehnten unterwegs. Wo liegen deiner Einschätzung nach die Gründe, warum viele den Sprung in die Selbstständigkeit nicht wagen?

Das Gründungsvorhaben in Deutschland ist relativ schwach mit unter 7 % der Neugründungen. Die Tendenz ist in den letzten Jahren auch eher fallend als steigend gewesen. Ein Gegensatz hierzu ist bspw. das Startup-Mekka Israel, wo sehr viel gegründet wird.  Das schwache Gründungsvorhaben in Deutschland wird sich vlt. durch die Corona Pandemie etwas positiv verändern, weil Krisenzeiten immer mehr Gründungen hervorgerufen haben. Je größer die Krise, desto größer der Mut! Die Menschen werden mutiger in ihren Vorhaben, da sie nicht mehr viel zu verlieren, jedoch umso mehr zu gewinnen haben.

Der Mut in Deutschland ein Startup zu gründen, ist nicht Bestandteil der DNA einer Generation. Der Wunsch geht in den Generationen häufig in die Richtung eines „sicheren“ Jobs, dies hat zum Teil gesellschaftliche Gründe oder wird uns als auch Teil der Erziehung so gelehrt. Scheitern ist nicht cool in Deutschland und wird derzeit eher noch als Makel gesehen. Dies spiegelt sich auch in dem schwachen Gründungsverhalten wieder. Es zeichnen sich immer mal wieder kurze Peaks and Highs ab – bspw. waren die Fuck-Up-Nights, wo Gründer:innen über Ihr Scheitern gesprochen haben, einige Zeit sehr populär. Diese Peaks and Highs führen aber nicht dazu, dass eine gesellschaftliche Durchdringung und ein Umdenken erreicht wird. Wir haben in Deutschland das Glück, mehrfach abgesichert zu sein und das „Risiko“ ist für den Großteil der Deutschen größer, diese Absicherung durch eine Gründung zu verlieren, als durch eine Gründung zu gewinnen.

Was wir aktuell feststellen können anhand unserer Teams, die wir derzeit im Accelurator-Programm betreuen: Wir haben Teams, die nur aus Mitgliedern, die aus Deutschland kommen, bestehen, aber auch viele gemischte Teams, wo bspw. Teilnehmende aus Lettland o.ä. kommen. Und auch innerhalb der „deutschen“ Teams haben wir einige Mitglieder:innen, die aus einem anderen Kulturkreis kommen. Die Diversity ist auch innerhalb unserer Teams, die wir aktuell betreuen, sehr breit vertreten, spiegelt jedoch auch etwas das schwache Gründungsverhalten wider, was wir in Deutschland haben.

Denkst du, dass behördliche Hemnisse in Deutschland auch ein Grund für das schwache Gründungsverhalten sind?

Nein. Ich denke, dass dies Barrieren sind, die es zu überwinden gilt. Ich glaube jedoch nicht, dass dies am Ende der entscheidene Faktor ist, ob ein Mensch gründet oder nicht. Programme wie Gateway49 sollen hier einen zusätzlichen Anreiz schaffen, dass diese Barrieren überwunden werden und auch das Gründen einfacher umsetzen lässt. Wir hatten auch bei uns in den letzten Runden vereinzelt Startups, die nur aufgrund des Programmes von Gateway49 ermutigt wurden zu gründen. Dies zeigen auch die Ziele von Gateway49. Es ist ein Beuschleuniger, ein Motivator und bietet den Menschen einen etwas „leichteren“ Weg, ins kalte Wasser der Gründung zu springen.

Die Arbeitswelt wird im Zuge der Digitalisierung immer komplexer und unternehmerische Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen in KMU immer wichtiger, um dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Welche Entrepreneurial Skills oder generell Skills sind deiner Meinung nach für KMU und deren Mitarbeiter für die Zukunft wichtig und warum?

Ich glaube, dass das Thema Leadership ein ganz großes Thema ist, nach wie vor. Netzwerkstrukturen werden in der Zukunft die Gewinner sein, die ganz klassischen hierarischen Strukturen werden in der Zukunft nicht mehr erfolgreich sein. Jedoch können diese beiden Faktoren nur funktionieren, wenn ganz viele von diesen „Gründer-Mindsets“ auch durch die Professionals eines KMU selbst gelebt werden. Wenn du keine Verantwortung für deinen Job oder deine Tätigkeit übernehmen möchtest, nützt dir das gar nichts in deiner persönlichen Entwicklung. Wir müssen es schaffen, eine andere Motivation zu entwickeln und ich glaube auch ein anderes Bildungsystem aufzubauen. Wir müssen viel mehr auf die Selbstständigkeit, auf Nachhaltigkeit ausbilden und hier weiter vermitteln. Wir brauchen auch einen anderen Typ von Arbeitgebern bezüglich der Führung, Unternehmenslenkern und wir brauchen auch ein anderes Mindset bei den Professionals. Dies können wir dadurch schaffen, dass wir die Entrepreneurial Skills auch in die Schulen bekommen, in die jungen Menschen. Dies wird ein langer Prozess sein, denn ein gesellschaftelicher Mindset-Wechsel dauert und als Ergebnis werden wir eine neue Generation von Innovatoren, Gründern bekommen. Und dann werden wir nicht mehr aufzuhalten sein!

Lieber Stefan, wir danken dir sehr für dieses schöne und informative Interview mit den tollen Insights!

Neugierig geworden ?

Das Thema Entrepreneurial Skills interessiert dich ? Du möchtest mehr über neue agile Arbeitsmethoden, Innovationsmanagent und New Work erfahren? Dann ist unser neues Projekt ES2020 – Entrepreneurial Skills genau das Richtige für dich! 

Eine Anmeldung zu einzelnen Online-Modulen ist ab sofort auf der Bildungsplattform oncampus.de möglich. Die Teilnahme an den einzelnen Modulen ist für alle KMU mit Sitz in Schleswig-Holstein kostenlos. Weitere Online-Module werden nach und nach für die Teilnehmenden freigeschaltet und zur Verfügung gestellt. Jetzt hier anmelden und alles über Entrepreneurial Skills erfahren.

https://www.oncampus.de/es2020

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